"Die Corinther"

„ Apostel Paulus schrieb an die Corinther:
Ihr sauft ja wie die Bürstenbinder.
Drum, Corinther, merkt und hört
Was der fromme Paulus lehrt.“

 

Jedes Mal, wenn der Lehrer während der Morgenandacht die Epistel Pauli an die Corinther rezitierte, versteckte ich errötend mein Haupt, nicht anders denkend: die ganze Aula mit Schülern und Lehrern müssten immer auf meine Person aufmerken. Danach verstand ich auch Goethe, wenn er sich über Herder beschwerte, der es liebte, seinen Namen anzügliche Worte zu verzapfen: „Der Du von den Gothen stammst oder vom Kothe!“ ungefähr so ist es doch in Wahrheit und Dichtung.
Nun mache ich bereits seit geraumer Zeit Glossen über mich selbst und über meinen verehrlichen Namen. Dieser Zyklus Radierungen, „Bei den Corinthern“ betitelt, ist meine neueste Arbeit. Es ist eine Art Tagebuch für das Jahr 1919. Alles, was wir erlebten, steht in diesen Kupferdrucken: die Straße in Berlin und die Sommerfrische mit dem Häuschen am wunderbaren Walchensee. Der einzige Fremde, der auf diesen Blättern erscheint, ist nebst einem weiblichen Modell unser frommer und getreuer Knecht Franz Bader: Hausverwalter, Ziegenmelker, Kutscher, Fischer, Pensionsvater unseres jungen Kätzchens „Strolch“. Franz ist der Typhus des Knechtes aus der Bibel. Fleißig, zuverlässig und gehorsam; manches Mal war er zerstreut, und statt auf die Tiere des Hauses aufzumerken, gingen seine Augen zu denen des Waldes, was ihn nun mit dem Gesetz in bedauerlichen Konflikt gebracht hat. Trotz seines rauhen Äußeren hat er doch das Gemüt eines Kindes. Ich hätte nicht übel Lust, das Notizbuch fortzusetzen, denn das Kätzchen ist zu einem Kater ausgewachsen. Auch eine Ziege – die Kuh des armen Mannes – meckert im Stall. Die Zeiten verändern sich, und man kann nicht wissen, was im Zeitenschoße noch schlummert. Nun, lieber Leser, wenn du Vergnügen an diesen Blättern hast, kommt vielleicht eine ganz neue Auflage für das Jahr 1922, als ein wohl verstähltes Supplement, mit erwachsenen Kindern und mir als Mümmelgreis und demgemäß auch die anderen.

Deß freuen wir uns baß!

Urfeld, am 13. Juni 1920
Lovis Corinth