Charlotte von Maltzahn

Am 19.10.1881 wird Charlotte von Maltzahn in Kiel geboren. 

Ihr Vater, Freiherr Curt von Maltzahn (aus der Linie Frankfurt/Oder), ist ein erfolgreicher Offizier bei der Preußischen Marine, der bis zum Konteradmiral aufsteigt. 1879 heiratet er Rose von Spieß, eine Gutsbesitzers-Tochter aus Ostpreußen.

Charlottes Kindheit ist geprägt von dem strengen traditionsbewussten Offiziers-Haushalt ihrer Eltern. Aufenthalte auf dem Gut Rosenau bei ihrer Großmutter Adelheid von Spieß sind für sie und ihre ältere Schwester Marie Luise eine abwechslungsreiche und beglückende Zeit.

Die Schulzeit von 1889 – 1897 absolviert sie, wie damals üblich, in der Höheren Töchterschule.

Bei Reisen mit ihren Eltern u.a. nach Dänemark und Schweden zeichnet sie mit Hingabe und Geschick Landschaften und Personen. In Schweden wird sie von Carl Larsson, einem erfolgreichen Künstler, eingeladen, mit ihm zu malen. Dies wird von den Eltern als nicht standesgemäß empfunden und ihr verboten.

Ihre Enkelin schreibt: „Die Eltern waren sehr besorgt um ‚Ihr Kleines’. Besorgt wegen ihrer starken Impulse zum Sport, zu unkonventionellen Erlebnissen und später wegen der unverhohlenen Liebe zur Malerei. Es wurde oft eingeschränkt oder schlicht untersagt – weil nicht standesgemäß oder zu gefährlich für das zarte 153 cm große Wesen. Das Ruderboot, mit dem sie den ganzen Kieler Hafen und darüber hinaus erkundete, verschwand aus diesem Grund zu ihrem großen Kummer. 
Da blieb noch Tennis spielen. Sie spielt gut, und als die Familie wegen der Beförderung des Vaters nach Berlin umzog, spielte sie auch gegen Wilhelm II., dem letzten Kaiser.
Nach einiger Zeit wurde ihr von einem Adjutanten zugetragen, sie möge doch weiterhin so schön springen, dass etwas mehr Bein unter den langen Röcken zu sehen sei und sie möge doch den Kaiser öfter mal gewinnen lassen. Das empörte sie so sehr, ob der Unsportlichkeit (offener Protest war wegen der Stellung des Vaters undenkbar) dass sie jedesmal, wenn der Kaiser zu spielen gedachte ‚unpässlich’ war.“

Vom Elternhaus aus soll sie allenfalls Zeichenlehrerin an einer höheren Töchterschule werden, aber sie will sich damit nicht begnügen. Sie ertrotzt sich ein anfängliches Studium der Malerei im Studienatelier für Malerei und Plastik von Martin Brandenburg in Berlin.

Das Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts mit der künstlerischen und reformistischen Aufbruchsstimmung wird das Ziel der jungen Frau. Vieles wird zum Gegenstand ihres Interesses, z.B. die Worpsweder Künstler – die Brücke – der Jugendstil – Are Waerland (Gesundheitsreformer) – Vorträge von Rudolf Steiner (Anthroposoph) – aber auch die Wandervogel-Bewegung.

Im Jahre 1904 lernt sie den hochgewachsenen jungen Bildhauer Ernst Gorsemann kennen. Der aus der Nähe Bremens und einfachen Verhältnissen stammende Mann hat großen Ehrgeiz als Bildhauer anerkannt zu werden. Es ist für sie nicht nur der künstlerische Austausch mit ihm, sondern – auch ihre große Liebe.

Charlotte zieht 1913 nach Kassel und besucht dort die von Hans Olden geführte Kunstakademie. Sie erhält dort den Auftrag, ausscheidende Professoren zu portraitieren. Die Portraits gehen aber leider durch die Zerstörung der Akademie verloren.

Eine Studienreise mit einer Gruppe um den Kunstprofessor Emil Zoir führt sie nach Schweden.

Lebenslange Beziehungen bahnen sich an. Tiefe Freundschaften mit Gerta Springer und vor allem mit Helene Credner entstehen. Helene wird noch Medizin studieren und später als Nervenärztin in München praktizieren.

Mit Helene bezieht Charlotte im November 1913 eine Atelierwohnung in der Franz-Josef-Str. 19/IV in München-Schwabing.

Sie besucht die Malklasse von Julius Seyler und unternimmt mit ihm und ihrer Klasse eine Studienreise über Paris in die Bretagne.

Bei der Teilnahme an Zeichen- und Aktkursen bei Professor Bridge fertigt sie 1914 ungezählte Skizzen in Kohle, Bleistift und Tusche an.

Charlotte tritt der Damenakademie des Künstlerinnenvereins München e.V. trotz finanzieller Nöte bei. Von ihren Eltern werden ihr nicht mehr als 60 Mark im Monat für den Unterhalt gegeben, da sie Charlotte immer noch von der Malerei abhalten wollen.

Zur selben Zeit studieren Käthe Kollwitz und Gabriele Münter an der Damenakademie. Der „Blaue Reiter“ wird bekannt und findet in der Kunstwelt großen Anklang. Deshalb nennt sich die Künstlerinnengruppe um Charlotte mit Augenzwinkern „Die Grünen Hunde“.

Zur Fortsetzung ihres Studiums gibt ihr Professor Zoir ein Empfehlungsschreiben für die Aktklasse der Kunstakademie in Florenz. Die Enkelin schreibt dazu: „Sie wollte sich diesmal nicht davon abhalten lassen das anzunehmen. Da brach der erste Weltkrieg aus und machte diese Option zunichte.“

Am 28. Juli 1914 zu Beginn des 1. Weltkrieges macht sie eine Hilfsschwestern-Ausbildung und arbeitet während des Krieges in einer Entbindungsstation und im Sozialen.

Ihre Tochter kommt 1918 nach einer elfjährigen Verlobungszeit mit Ernst Gorsemann auf die Welt. Nach der Geburt von Ingeborg trennen sich ihre Wege.

Charlotte zieht mit Ihrer kleinen Tochter nach Söcking am Starnberger See und plant, ein selbst entworfenes Haus zu bauen. Um es finanzieren zu können, verkauft sie eigene Bilder und übernimmt  Auftragsarbeiten, vor allem Portraits.  

Durch die Wandervogel-Bewegung lernt sie den künstlerisch und musisch begabten Metallkunst-Handwerker August Bode kennen. Sie heiraten 1924. Für August entwirft sie Objekte in Silber, Kupfer und Messing, wie Armreifen, Broschen, Dosen, Leuchter und Buchstützen. August lässt sich als Mitglied der Kunsthandwerker-Vereinigung Buzentaur in Starnberg eintragen.

Während Bohde zunehmend von einer psychischen Krankheit erfasst wird, findet Charlotte ihren Lebensmittelpunkt im Sozialen.

Erst 1926 zieht sie in ihr eigenes Haus nach Söcking. Sie pflegt dort Kontakte u.a. mit Prof. Seyler. Gerne kommen auch Gäste, Malschüler und andere Künstler zu Besuch.

Die Enkelin schreibt: „Auch während des Nazi-Regimes widmet sie sich ganz und gar dem ‚Mütterdienst’ und bekam gar nicht mit, welch unsägliches System sie damit unterstützte. Immer wieder wurden Kinder aus ausgebombten Familien und sonstigen Notlagen aufgenommen. Ein Bub blieb – Gott sei Dank – bei uns: mein Bruder Peter.“

Die Ehe mit August Bohde zerbricht. 1942 lassen sie sich scheiden. Charlotte zieht mit ihrer Tochter und deren Familie 1968 in ein 350 Jahre altes Bauernhaus in Benediktbeuern.

Am 3. August 1975 stirbt Charlotte von Maltzahn im Alter von 93 Jahren in Benediktbeuern.